Anmerkungen zum Interview mit Alice Weidel

Tatjana Kimmel-Fichtner ist Gründungsmitglied von Lobby für Demokratie. Ihren Brief an die Rheinische Post zum Interview mit Alice Weidel (RP, 28.11.2019, A4) stellen wir hier mit ihrer Genehmigung online. Wir schliessen uns Ihren Worten an!


Sehr geehrte Damen und Herren,
die Rheinische Post beschreibt sich selbst als "die auflagenstärkste Tageszeitung im Rheinland“, die mit täglich rund 276.000 Exemplaren etwa 731.000 Leser erreiche. Das "starke Parlamentsbüro" Ihrer Mediengruppe in Berlin unterstreiche "den publizistischen Anspruch als Stimme des Westens, die auf Bundesebene gehört wird".

Mit diesem breiten Wirkungsgrad und hohem Anspruch ist eine ebenso große Verantwortung verbunden. Deshalb bin ich entsetzt über das Interview mit der AfD-Politikerin Alice Weidel, das am 28. November 2019 auf der Seite A4 veröffentlicht wurde.

Die Eingangsfragen „Wie ist Ihre Halbzeitbilanz?“ und „Was halten Sie für das Wichtigste?“ wirken in allen Interviews mit Politikern eher schlicht, zu Beginn eines Interviews mit Alice Weidel halte ich solche Fragen für gefährlich naiv. In ähnlich unkritischer Weise wurde das Interview fortgesetzt. Zwar wird das „Vogelschiss“-Zitat von Alexander Gauland angesprochen, Weidel kann aber unkommentiert darauf antworten, dass Alexander Gauland das nicht so gemeint habe. Ich dachte, dass jeder politische Korrespondent mittlerweile diese Taktik der AfD durchschaut habe: Erst provozieren einzelne Politiker mit extremen Behauptungen, setzen so deutliche Signale an ihre Anhänger und reden sich dann gegenüber den Kritikern halbherzig mit der Behauptung raus, falsch verstanden worden zu sein. Auf die Frage „Warum ist die AfD im Osten so stark?“ kann Alice Weidel erläutern, dass sie damit rechne, dass man im Osten ab dem nächsten Jahr nicht mehr an der Regierungsbeteiligung der AfD vorbeikomme. Statt nachzufragen, wie die Partei diese Macht nutzten werde und den damit verbundenen Systemwechsel zu hinterfragen, schlagen die Interviewer den Koalitionspartner CDU vor und geben Frau Weidel eine Steilvorlage, um die Merkel-CDU als ungeeigneten Koalitionspartner abzulehnen. Und damit nicht genug: Die Interviewer Gregor Mayntz und Hennig Rasche fragen völlig unkritisch weiter, wie es zu einer Koalition zwischen CDU und AfD kommen könne. Daraufhin bringt Weidel einen Vorschlag von „Herrn Höcke“ ins Spiel. (Einem Politiker, den man rechtskonform als Faschisten bezeichnen darf.) Auch dazu gibt es keine Nachfrage. Am Ende des Interviews kann Frau Weidel ausführen, dass die CDU im Osten schon deutlicher weiter ist und deshalb die Annäherung zwischen AfD und CDU nicht mehr aufzuhalten sei.

PLAKAT KonzertMit diesem Interview hat sich die Rheinische Post zum Steigbügelhalter einer Partei gemacht, die sich außerhalb des demokratischen Spektrums bewegt. Alice Weidel nutzt dies auf Facebook, um zu zeigen, dass sie fest im Sattel sitzt:

Als Demokratin wünsche ich mir eine Presse, die recherchiert, kritische Fragen stellt, Folgen bedenkt.

Falls Ihnen die Folgen einer Regierungsbeteiligung der AfD nicht klar sein sollten, empfehle ich zum Beispiel die Lektüre einer Dokumentation der Amadeu Antonio Stiftung „Demokratie in Gefahr, Handlungsempfehlungen zum Umgang mit der AfD“.

Die AfD strebt einen Systemwechsel mit folgenden Zielen an.

  • Stärkung von völkischem Gedankengut
  • Schwächung von Frauenrechten
  • Eingriffe in den Kulturbetrieb
  • Eingriff in Pressefreiheiten
  • Stärkung von Ausländerhass und Antisemitismus
  • Leugnung des Holocaust
  • Leugnung des Einflusses der Menschheit auf den Klimawandel
  • Stärkung von nativistischen Vorstellungen
  • Stärkung von populistischen und autoritären Tendenzen
  • Diffamierung von politischen Gegnern
  • Diffamierung von Minderheiten
  • Eingriffe in den Rechtsstaat

Interessant sind auch die Ergebnisse der aktuellen Forsa-Umfrage zum Wählerklientel der AfD.

Die AfD nutzt aktuell Tarnungsmethoden, um regierungsfähig zu wirken. Wenn es Ihnen als wichtig erscheint, Interviews mit AfD-Politikern zu führen, dann ist es Ihre journalistische Verantwortung diese auf der Grundlage gründlicher Recherchen zu führen und es der AfD nicht so einfach zu machen.

Mit freundlichen Grüßen
Tatjana Kimmel-Fichtner